Das Meer und ich waren im besten Alter

Das Meer und ich waren im besten Alter

Es ist FrauenMärz. Montagabend, die Mittelpunktbibliothek Schöneberg füllt sich langsam. Adriana Altaras ist hier der heutige Gast. Christine Dominik, Leiterin der Bibliothek, kennt die Autorin persönlich und so wird es eine kurze, warmherzige Vorstellung.

Adriana Altaras - LesungAdriana Altaras ist hier keine Unbekannte. In Zagreb wurde sie geboren und wuchs in Gießen auf. Dort gründeten ihre Eltern 1978 die jüdische Gemeinde. Seit Jahren wohnt sie hier im Kiez. Sie ist Autorin, Regisseurin und Schauspielerin. Heute Abend liest und erzählt sie aus ihrem gerade erschienenen Buch „Das Meer und ich waren im besten Alter“. Bereits vor einigen Jahren hatte Sie mit großem Erfolg ihre Familiengeschichte „Titos Brille“ hier vorgestellt. Sie selbst bezeichnet sich als „jüdische Berlinerin“.

Den bereits vorbereiteten Stuhl und Tisch für die klassische Wasserglas–Lesung lässt Adriana Altaras links liegen. Sie übernimmt das Mikrofon, setzt sich auf den Tisch und kann so direkter in Kontakt mit dem Publikum treten. Bevor es dann richtig los geht, fordert sie alle auf, sich noch einen Wein oder Saft zu holen und es im Übrigen so wie in der Synagoge zu halten. Also Aufstehen, Rumlaufen und sich wie im eigenen Wohnzimmer fühlen. Bis in die letzte Ecke des Raumes drängen sich die Besucherinnen und Besucher.

Sehr lebendig, temporeich erzählt die Autorin warum die Gegenwart nichts für Feiglinge ist. Ihre großen und kleinen Geschichten erzählen von persönlichen Erlebnissen und Vorstellungen. Sie ist eine scharfsinnige Beobachterin. Die Sprache ist scheinbar leicht, pointiert, witzig, nachdenklich mit viel Farbe und Wärme sind ihre Geschichten.

Zwischen den Geschichten erzählt sie davon, wie es ist Mutter zu sein von zwei fast erwachsenen Söhnen, von ihrem Mann der ebenfalls Freiberufler ist und katholisch sozialisiert wurde.  Sie spricht auch darüber warum es wichtig ist, Mut und Zivilcourage zu zeigen und wie das mit dem Älterwerden nicht immer einfach ist. Die Geschichten bieten viel Raum zum Nachdenken.

Zwei Geschichten haben mich besonders berührt: die eine handelt davon, wie die Autorin mit ihrem jüngsten Sohn, bevor dieser für ein Jahr nach Neuseeland reist, die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besuchte. Sie wollte mit ihm die Auseinandersetzung über die nationalsozialistischen Verbrechen führen. Die andere Geschichte, von der ich sehr ergriffen war, ist die zu Mascha Kaléko. Es ist eine Liebeserklärung an die polnisch-deutsch-jüdische Dichterin und an die jüdische Literatur. Gerne wäre Adriana Altaras ihr im Romanischen Café begegnet.  

Am Ende der Veranstaltung hatte die Autorin die Zuhörer so in ihren Bann gezogen, dass der Büchertisch leergefegt war. Der Buchhändler war von der so großen Resonanz überwältigt. 

Christine Domnik und Adriana Altaras, Lesung

 

Adriana Altaras: 
“Das Meer und ich waren im besten Alter: Geschichten aus meinem Alltag“
 | KiWi, 2017
 | 224 Seiten
 | 8,99 Euro

 

Mehr über Adriana Altaras können Sie auch auf ihrer Website erfahren.

 

Text & Fotos: Yvonne de Andrés