Normal ist das nicht – Die starke Eröffnung des 32.Frauenmärzes

Normal ist das nicht – Die starke Eröffnung des 32.Frauenmärzes

Lassen Sie mich mit dem Star des Abends beginnen… Zur Auswahl standen:

 

Die jungen Frauen des Theaterkollektivs Berlocken, die doch allen ernstes fragen, warum eigentlich heiraten? Und Vorschläge einbringen, wie den 3-Jahres-Ehevertrage oder das Fest der Liebe…

 

Die goldene Schwanger-Superkräfte-Frau, die kurz auf der Bühne erscheint, um den Wettkampf der Übermütter anzukündigen.

 

 

 

 

Die Mutter mit der sturmfreien Bude, dem Lehrer, der Schlange, dem Schaf und dem…  – die großartige Entertainerin Andrea Bongers.

 

 

 

Die Mutter, die auch Tochter ist und die mit allem spielt, was Stimme, Klavier und Plasikflasche hergeben… – Hilde Kappes.

 

 

Und Emine Demirbüken-Wegner, die die Festrede hält und vielleicht die meisten kontroversen Impulse auslöst.

 

 

 

 


Ich muss gestehen, es war Liebe auf den ersten Ton, dann folgte der zweite, der dritte, der vierte und schon war ich von der spitzen Höhe zur rauen Tiefe gefolgt, ein breites Grinsen im Gesicht, leicht den Kopf schüttelnd über diese wunderbar „elastische“ und ja – volle Stimme. Mein Star des Abends ist Hilde Kappes.

Das hätte eigentlich gereicht, doch dann stellt sich Hilde Kappes als „freischaffende Mutter und allein erziehende Künstlerin vor“, spricht das komplizierte Tochter-sein an und bringt etwas ins Spiel, das an diesem Abend noch keiner auf die Bühne gebracht hat: „Mutter muss glücklich sein.“ Und ich denke wieder einmal, ja – glückliche Eltern sind die beste Garantie für glückliche Kinder.
Hilde Kappes meint das auch ernst – aber ernst ist etwas, was ihren Humor hervorruft. Ernst treibt sie an, die Leichtigkeit zu suchen und dennoch aus der Leichtigkeit immer wieder kurz hervorzuschießen und dann lachend davon zu schweben oder sich im Geräuschmeer aufzulösen.

Wahrscheinlich habe ich es noch nicht klar genug gesagt: Hilde Kappes ist nicht normal. Sie singt nicht normal, obwohl sie ziemlich normal am Klavier sitzt (ja ich sprechen vom Sitzen, nicht vom Spielen), sie musiziert nicht nur auf normalen Instrumenten, sondern auch auf Pflastikflaschen und einem Abflussrohr – wobei sie irgendwie entspannt normal dabei aussieht…, sie ist ziemlich umfangreich und das nicht nur auf ihren Körper bezogen – nein, man kann sagen sie ist völlig unnormal umfangreich in so ziemlich allem, was Sie, ihre Kunst und ihre Arbeit betrifft.

„Wieso singen Sie nicht einfach normal. Sie haben doch eine tolle Stimme,“ habe eine Zuschauerin sie einmal gefragt und sie habe geantwortet:“Das Leben ist auch nicht nur schön.“

Und halten Sie sich fest – es gibt noch mehr. Alles möchte ich nicht vorwegnehmen, denn ich habe entdeckt, dass sich ein Besuch ihrer Website wirklich lohnt. Dort erfahren Sie, dass Hilde Kappes regelmäßig Kurse anbietet, eine erfrischende Meinung zu Fernsehauftritten hat und nicht nur einiges zu singen, sondern auch zu sagen hat. 

>>> Lesen, sehen und hören Sie Hilde Kappes

 

Emine Demirbüken-Wegner und Andrea Bongers sind so herrlich verschieden, dass es Spaß machen wird, über beide in einem Zug zu schreiben. Ja, auch ich kann ich oder wie Andrea Bongers es formulierte: „Ich, ich, ich, ich, ich…“ Das übrigens in dem Zusammenhang, dass eine Mutter nach Jahrzehnte langem Einsatz, auch mal etwas zurückfordern oder wenigstens für sich in Anspruch nehmen kann / sollte.

Während Andrea Bongers zu lauter Musik die sturmfreie Bude nach dem Auszug ihres Sohnes feiert, scheint sich Emine Demirbüken-Wegner im Paradies der engelhaften Mütter zu verlaufen. Widerstand macht sich in mir breit, doch dann bringt sie ein Schlüsselwort ins Spiel: „Wahlfreiheit.“ Und ich muss gestehen, dass sie einen wichtigen Punkt anbringt. Es sollte gleichermaßen möglich sein, sich für oder gegen Kinder, sich für oder gegen das Hausfrauendasein zu entscheiden. So gerechtfertigt diese Aussage – so stark schallt Andrea Bongers Schlangenpuppe: „Ich verstehe sowieso nicht, warum die Sklaverei abgeschafft wurde, aber die Ehe nicht.“

Umso länger ich Emine Demirbüken-Wegner zuhöre, desto mehr wird mir klar – es ist nicht die Frage, ob eine Frau Zuhause beim Kind bleiben möchte oder nicht, die mich verspannt… Und während ich in Gedanken schon an meiner Argumentation arbeite – bringt sie den entscheidenden Punkt selber an. Sie weist darauf hin, dass zur Mutterschaft auch die Vaterschaft gehört.

Und tatsächlich scheint es unzeitgemäß über Mutterschaft allein zu sprechen. – Vaterschaft gehört genauso dazu – und eigentlich (so möchte ich hinzufügen) wäre es wünschenswert, wenn es schlicht um Elternschaft ginge.

Das ist natürlich sehr leicht geschrieben und Andrea Bongers Show ist ein wohltuendes Gegenmittel für etwaige „zu viel Verantwortungs-Depressionen“. Sie füllt die Bühne mit ihrem ausgelassenen Fest zur Mutterfreiheit: „Jetzt ist die Bude leer. Schnaps trinken, Joint drehen (…) – Jetzt ist sie weg und ich bin frei.“ Und setzt noch einen oben drauf – warum eigentlich warten und nicht schon mal früher entspannen – früher frei sein. Auch das Kind als Mensch sehen und sich und das Kind als zwei Menschen, die beide Rechte haben – (oder eben auch drei Menschen).

Das Theaterkollektiv Berlocken zeigte einen Ausschnitt aus Ihrem wunderbaren Stück Hoch-Zeit und wird auf dem Frauenmärz noch zweimal zu sehen sein (23.& 24.März, 20:00 Uhr). Sie stellen spannende Fragen und begeistern das heiratswillige wie -unwillige Publikum…

 

Auch bei diesem Eröffnungsfest zum Frauenmärz, dürfen drei weitere Frauen nicht unerwähnt bleiben. Petra Schwarz, die freie Journalistin, die die Eröffnungsfeier auch in diesem Jahr wieder moderiert und ganz nebenbei fallen lässt, dass sogar Oma-werden ohne Heiraten geht.
Ute Knarr-Herriger, die Leiterin der Dezentralen Kulturarbeit, die mit ihrem treuen Team auch in diesem Jahr dafür gesorgt hat, dass die Eröffnung und der gesamte Frauenmärz überhaupt stattfinden können.
Und selbstverständlich Jutta Kaddatz, Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur und Soziales, die gemeinsam mit Ute Knarr-Herriger das Motto des diesjährigen Frauenmärzes gefunden hat, nicht zuletzt, da die Geburtszahlen im Bezirk steigen und damit die Fragen nach der modernen Mutterschaft in gewisser Weise an Dringlichkeit gewinnen.

 

ERÖFFNUNG DES 32.FRAUENMÄRZES


Begrüßung:
Jutta Kaddatz, Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur und Soziales

Festrede: Emine Demirbüken-Wegner, Parlamentsausschussvorsitzende für Bildung, Jugend und Familie

Theaterkollektiv Berlocken – Hoch-Zeit, http://berlocken.de/. Mehr zum Stück hier im Kulturblog: Heiraten? Warum?

Hilde Kappes – “The humour of voice and the sound of things” (Der Humor der Stimmen und der Klang der Dinge), Performance & Pädagogik, http://hilde-kappes.de/

Andrea Bongers – Kind weg, Mann weg, Hund tot – und jetzt? Geht’s los – Bis in die Puppen!, Kabarettistin, Sängerin und Puppenspielerin aus Hamburg bringt jede Menge Erfahrung mit und kippt sie auf die Bühne: als Pädagogin, als Mutter, als erste Frau, zweite Frau, Musikerin, Puppenspielerin (Sesamstraße), http://www.andreabongers.de/

Petra Schwarz, freie Journalistin, Moderation

Ute Knarr-Herriger, Dezentrale Kulturarbeit Tempelhof-Schöneberg, Organisation & Ton

 

Bildergalerie – Eröffnung Frauenmärz 2017

 

Frauenmärz 2017

Der diesjährige Frauenmärz wünscht sich einen Diskurs über die Mutter von heute, Gespräche und auch die Verhandlung über das Miteinander von Frauen, Männern und Kindern.

Alle Veranstaltungen im diesjährigen Frauenmärz finden Sie hier.

 

 

Nicht verpassen

 

 

 

Hoch-Zeit-Performance – Theaterkollektiv Berlocken – 23. & 24.März 2017, 20 Uhr, Goldener Saal, Rathaus Schöneberg

Mehr dazu hier im Kulturblog: Heiraten? Warum?

 

und

Frauenmärz 2017 - die Eröffnung

 

SUPRA lat. über MATER Lat. Mutter – Theatergruppe Wilde Pferde – 25.März 2017, 20 Uhr, Louise-Schroeder-Saal, Rathaus Schöneberg

 

 

 

 

 

 

Text & Fotos: Ellen Paschiller, lemon pix fotografie, info@lemon-pix.de