Fatou Rama oder Ich werde Künstlerin

Fatou Rama oder Ich werde Künstlerin

Seit Tagen grübele ich über diesen Text. Nicht weil ich mir etwas aus den Fingern saugen müsste, sondern weil es so viele Ebenen und Schattierungen – Richtungen und Nuancen gibt, dass ich mich wieder und wieder frage, wie ich diese wunderbaren Veranstaltung mit MFA Kera noch einmal zum Leben erwecken kann – in ihrer ganzen Breite, Höhe, Tiefe – mit all ihren schillernden Farben und Tönen. Vielleicht wird es mir ein wenig gelingen.

Beginnen wir die Reise am Ort des Geschehens: der alten Verwaltungsbibliothek im Rathaus Schöneberg. Ich beobachte wie sich der ehrwürdige, urdeutsche Raum füllt. Es wird so voll, dass die familiäre Nähe, die bei den Wohnzimmerkonzerten in diesem Raum entsteht, ausbleibt.

 

Dann erscheinen drei Menschen auf der provisorischen Bühne. Reinhard Katemann, der langjährige Freund und Wegbegleiter wird den Abend musikalisch auf seinem Keyboard begleiten und die Erzählung so feinsinnig untermalen und akzentuieren, dass Erzählung, Töne und Geräusche zu einer unzertrennlichen Einheit verschmelzen.

 

 

Andrea Siemsen – die Übersetzerin – setzt sich an den runden Tisch. Wahrscheinlich wäre es ihr lieber, sich hinter einem der Regale zu verstecken, denn so ganz geheuerlich scheint ihr der Bühnenauftritt nicht zu sein. Aber was macht schon ein wenig Lampenfieber, wenn man an dieser Geschichte teilhaben kann und so ist es schön zu erleben, dass ihre Interpretationen im Laufe der Veranstaltungen mutiger werden.

Kera steht im Mittelpunkt – in jeder Hinsicht.

 

 

Auf den ersten Blick empfinde ich eine kleine Verunsicherung – wer ist diese so eigen aussehende Frau? Doch dann beginnt sie zu reden und zu strahlen und schlüpft nach wenigen Minuten in ihre Vergangenheit – und wird wieder zu dem kleinen Mädchen Kera, welches ihre Heimat Madagasgar und ihre Mutter verlassen muss und mit ihrem Vater und Bruder in den Senegal zieht. Und nicht nur Kera verändert sich – auch der deutsche Raum löst sich auf und Afrika erscheint vor meinen Augen. Und wieder einmal denke ich:“Oh, Afrika – wie fern du mir doch bist…“

Doch das Mädchen Kera ist zu neugierig, um sich von Trauer bedrücken zu lassen. Sie ist verspielt, neugierig, lebendig und ein Mischling. „Du bist schlecht geweißt,“ wird ihr entgegnet. Doch sie macht sich nicht viel daraus. In Saint Louis (Senegal) gibt es schließlich viele gemischte Frauen und die sind entweder Geschäftsfrauen oder Künstlerinnen. „Ich werde Künstlerin.“

Ich mag Keras Leichtigkeit und die regelmäßigen Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche geben dem Zuhörer die Möglichkeit die projizierten Bilder länger stehen zu lassen und das Erzählte in zweierlei Interpretation zu hören. Während unterschwellig der Verlust der Mutter nachhallt und nie völlig erlischt, wird dieser Schmerz in die Liebe zum Leben und zum Singen gebettet. Und an dieser Stelle tritt Fatou Rama auf. „Vater hat Fatou Rama eingestellt, um die Mutter zu ersetzen. (…) Sie macht alles. (…) – …vor allem nimmt sie uns in den Arm.“ Auch als der Vater wieder heiratet bleibt Fatou Rama die Mutter des Herzens: „Fatou Rama liebe ich mehr. Sie kennt alle meine Geheimnisse und außerdem spricht sie Englisch.“ Es ist als würde Kera in eine Wunde piksen, um sich dann lachend abzuwenden und dem Leben nachzujagen.

Es ist die Musik – vor allem Jazz, Blues, Gospels, die zu ihrem Leben wird und so erzählt sie davon, wie sie zum ersten Mal einen Song von Louis Armstrong hört. „Seine Trompete öffnete den Himmel und es gab ein Gewitter. – Das ist eine wahre Geschichte,“ fügt sie lachend hinzu. Es ist Mahalia Jackson, die zu ihrem großen Vorbild wird. „Wenn ich viel größer bin, werde ich wie Mahalia Jackson singen. (…) Ich lerne alle ihre Lieder. Ich singe nur noch Mahalia Jackson,“ beschwört sie ihrem Vater gegenüber. Natürlich erzählt Kera nicht nur von der Musik, sie gibt dem Publikum auch einen Einblick in ihre musikalische Seele und untermalt ihre Geschichte mit den Songs, die sie auf ihrem Weg durch die Kindheit und Jugend begleitet haben.

Kera wächst in einem privilegierten Umfeld auf. Aber das bedeutet nicht, dass die afrikanische Vergangenheit und Gegenwart deswegen weniger Bedeutung für sie hätten. So erzählt sie davon wie Fatou Rama mit ihr nach Saint Louis fährt, von wo aus der Sklavenhandel organisiert wurde und wie schmerzlich sie dieser Ausflug berührt. „Warum sind es immer die Weißen, die die Schwarzen herumkommandieren?“

Ich bin nicht oft zu Tränen gerührt – doch MFA Kera schafft es immer wieder diesen Moment zwischen Lachen und Weinen in den Zuhörern heraufzubeschwören.

Als junge Frau zieht Kera nach Frankreich und beginnt ihre musikalische Laufbahn, die sie auch nach Berlin führt. Heute tritt MFA Kera weltweit auf. MFA Kera ist eine Künstlerin um der Kunst willen. Sie liebt die Musik und den künstlerischen Ausdruck, für den sie alle ihr zur Verfügung stehende Werkzeuge nutzt: schreiben, komponieren, malen und singen. Dabei spürt man, dass sie sich keine Grenzen setzt. Sie ist mutig, eigen, lebensfroh, kämpferisch und dabei doch gelassen und verspielt.

Am Ende entlässt Kera ihr jugendliches ich in die Vergangenheit und steht wieder selbst auf der Bühne: „What is life without engagement?“ „Was ist das Leben ohne Engagement?“ fragt sie und erinnert das Publikum an die vielen Frauen weltweit, die Hilfe und Unterstützung brauchen. „Battle on.“ „Kämpft weiter.“

 

Die Verwaltungsbibliothek kommt nur langsam in den Fokus zurück und man sieht den Gesichtern der Zuschauer an, dass diese musikalische Lesung und der Ausflug nach Afrika noch eine ganze Weile nachschwingen wird.

 

 

Der Auftritt in Bildern

_MG_7739_13-x
_MG_7752_13-x
_MG_7758_13-x
_MG_7760_13-x
_MG_7771_13-x
_MG_7780_13-x
_MG_7786_13-x
_MG_7793_13-x
_MG_7800_13-x
_MG_7818_13-x
_MG_7824_13-x
_MG_7827_13-x
_MG_7916_13-x
_MG_7948_13-x
_MG_7976_13-x
_MG_7981_13-x
_MG_7993_13-x
_MG_8000_13-x
_MG_8001_13-x
_MG_8072_13-x
_MG_8113_13-x
_MG_8135_13-x
_MG_8155_13-x
_MG_7707_13-x

 

Links – MFA Kera

Mahalia Jacksonhttps://www.youtube.com/watch?v=OLZcoDsPUkI – in the upper room

Mfa Kera & Mike Russells – Black Heritage – https://www.youtube.com/watch?v=b6posbzMuPI

Black Heritagehttp://www.blackheritage.de
Black Heritage ist die Band, die Mfa Kera Anfang der 90er in West-Berlin mitbegründet hat.

Fatou Rama – das Buch – https://www.klett.de/produkt/isbn/978-3-12-591814-6
Die Geschichte ist für den Französisch-Unterricht veröffentlicht worden. Wer diese Ausgabe kauft, kann die deutsche oder englische Übersetzung zugeschickt bekommen. Lesenswert.

 

 

 

Text & Fotos: Ellen Paschiller, lemon pix fotografie, info@lemon-pix.de