Das Ungeheuer wächst, je länger man es ansieht…

Das Ungeheuer wächst, je länger man es ansieht…

Von jenen, die auszogen…
Märchen von Flucht und dem Verlassen der Heimat…
ein Abend mit Birgit Hägele

im goldenen Saal, Rathaus Schöneberg

Dieses Bild wird mir im Gedächtnis bleiben: Sieben Schwaben marschieren mit einem riesigen Sperr durch Wälder und über Felder, bis der vordere Schwabe ruft:“Halt. Ein Ungeheuer sitzt im Feld.“ Die Aufregung ist groß, die Angst wächst und einer weiter hinten fragt:“Wie groß ist das Ungeheuer?“ Worauf der erste noch einmal schaut und dann zurückruft:“Das Ungeheuer wächst, je länger man es ansieht…“ Mut ist gefragt und tapfer umfassen die Schwaben den Sperr, bereit das Ungeheuer zu besiegen. Mit Geschrei rennen sie los. Von der plötzlichen Bewegung aufgeschreckt, springt der Feldhase auf und läuft davon. Das Ungeheuer ist zwar nicht besiegt – doch wenigstens verjagd.

Nach dem Märchenabend erzählt mir Birgit Hägele, dass Sie sich lieber Geschichtenerzählerin nennt. „Märchen werden oft in die Schubladen „nur für Kinder“ oder „von vorgestern“ gepackt und diese Schublade ist mir zu eng. Viele Märchen sind aktuell. Aus dem Publikum höre ich immer wieder: Das ist ja was ganz anderes. Deine Geschichten haben mit uns zu tun und mit der Gegenwart.“

Birgit HägeleBirgit Hägele hat nun schon zum 4.Mal ein Programm für den Frauenmärz entwickelt. Sie hat Geschichten zu den Themen Mutter, Flucht und Fremde gesucht und diese in einem Programm aus Anekdoten, Geschichten und Lieder zusammengebracht. So führt sie die Zuschauer und -hörer zu den Eskimos, wo eine Frau vor ihrem gewaltätigen Mann flieht, singt mit dem Publikum das Lied „10 kleine Negerlein“ – eine beschähmende Übung – kann ich mich doch noch daran erinnern, dieses Lied als Kind gedankenlos geträllert zu haben und streut die kleine Geschichte über Odysseus ein, in der er sich vor Xyklopen rettet, indem er als Name „Niemand“ angibt. „Wer ist der Fremde?“ „Niemand.“

„Was ist für Dich das besondere an einem solchen Abend?“, frage ich Birgit Hägele und sie antwortet:“Erzählen ist grandios, weil Du nichts brauchst als die Bilder im Kopf. Du kannst mit Worten eine Welt erschaffen. Das ist eine ganz alte Kunstform. Und die Bilder werden durch das Publikum verstärkt. (…) Ich mag auch die Nähe zum Publikum. Du gehst in denselben Raum und erlebst gemeinsam die Geschichte.“

Zum Erzählen nutzt Birgit Hägele ihre stimmliche und körperliche Ausdruckskraft, Instrumente, verschiedene Kostüme und die Interaktion mit dem Publikum. Sie hat Puppenspielkunst und Darstellenden Kunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin studiert und ist als Geschichtenerzählerin überall unterwegs. Besonders interessant klingt auch die Märchenwanderung im Natur-Park Schöneberger Südgelände, die in ihrem Kalender für dieses Jahr angekündigt sind.

Nicht jede der erzählten Geschichten ist tragisch und eine kleine Geschichte bleibt mir besonders in Erinnerung. Sie erzählt von zwei Gruppen, die sich in entgegengesetzter Richtung auf die Reise um die Welt begeben. Am Ende der Geschichte treffen sie wieder aufeinander und sprechen über ihre Erfahrungen: „Wir haben Weisheit gefunden.“

 

Bilder von der Vorstellung

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Birgit Hägele – Erzählkunst
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Mehr über die Geschichtenerzählerin Birgit Hägele erfahren Sie auf der Webseite der Künstlerin – Erzählkunst vom Feinsten.

 

 

Text & Fotos: Ellen Paschiller, lemon pix fotografie, info@lemon-pix.de