Der Wille zum Werk – Künstlerinnen in Schöneberg

Der Wille zum Werk – Künstlerinnen in Schöneberg

Der Wille zum Werk

Sich für die Kunst und ein Leben in und mit der Kunst zu entscheiden, war und ist nie einfach. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt wie unbeirrbar manche Persönlichkeiten ihren Weg gegangen sind. Warum? Weil sie Kunst machen wollten, egal was die Gesellschaft oder die Familie davon hielten – egal wieviele Hürden sie zu überwinden hatten. Und dasselbe lässt sich auch über die Frauen sagen, die sich beharrlich für die Emanzipation und die Bildung von Frauen eingesetzt haben.

Sibylle Nägele und Joy Mackert haben im Rahmen des Frauenmärzes 2017 zu einer Kunst- und kulturhistorischen Führung in Schöneberg eingeladen. Beide sind Experten für das Gebiet rund um die Potsdamer Straße und haben viel über die Künsterlinneren, die hier gewirkt haben und über die Emanzipations- und Bildungsgeschichte dieser Gegend weiterzugeben.

Fortsetzung folgt! 150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnnen 1867 e.V.

Die Führung beginnt in den Räumen der einstigen Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen (VdBK), welche heute von der Camaro Stiftung genutzt werden. Anlässlich des Jubiläums findet hier die Ausstellung  „Fortsetzung folgt! 150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V.“ statt.

Die große Gruppe wird von der Vorsitzenden Ute Gräfin von Hardenberg empfangen. Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Carola Muysers, gibt im Anschluss eine ausführliche Einführung in die Geschichte des Vereins.

Ich gehöre zu einer Generation, für die viele Frauenrechte selbstverständlich sind und es ist gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass Wahlrecht, Recht auf Bildung, das Recht Räume zu mieten oder die Freiheit der Aktmalerei nachzugehen, keine Selbstverstänlichkeiten waren – sondern Rechte sind, für die Frauen gekämpft haben. Obwohl kämpfen vielleicht nicht in allen Fällen das richtige Wort ist. Die Frauen z.B., die die Zeichen- und Malschule gegründet haben, haben getrickst… Sie konnten die Räume nur mit Unterstützung männlicher Persönlichkeiten mieten und waren sich nicht zu fein, diesen Umweg zu gehen, um ihre Ziele zu erreichen. In vielerlei Hinsicht fühlt es sich so an, als hätten diese Frauen schlicht getan, was sie wollten, ohne großes Aufsehen – mit Geschick und Unverdrossenheit.

Ohne diese Frauen, die sich nicht zurückgelehnt haben und den Lauf der Dinge als unumstößliches Schicksal akzeptiert haben, gäbe es heute vielleicht noch immer keine Bildung für alle, keine Ausstellungen für Künstlerinnen oder das Wahlrecht. Unweigerlich drängt sich die Frage auf:“Kann das wieder verloren gehen?“

An der Zeichen- und Malschule des Vereins studierten so einflussreiche Frauen wie Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Jeanne Mammen, Hannah Höch, Charlotte Berend-Corinth oder Lotte Laserstein.

Mehr zum Verein der Berliner Künstlerinnen finden Sie auf der Webseite des Vereins.

Starke Frauen in Schöneberg

Anschließend begehen wir verschiedene Stationen der historischen Frauengeschichten im Quartier und begegnen Namen wie: Hedwig Dohm, Alice Salomon, Julie Wolfthorn. Genaugenommen begegnen wir so vielen Namen und Geschichten, dass es kaum möglich ist, mit der Menge an Informationen mitzuhalten. Es ist sicher gut, mehrmals an dieser toll recherchierten und interessant vorgetragenen Führung teilzunehmen oder gut vorbereitet zu kommen, um den Reichtum an Informationen gebührend würdigen zu können.

In jedem Fall aber bleibt der Eindruck, dass Schöneberg ein wichtiger Ort für Künstlerinnen war und ist und bleiben sollte.

Der Rundgang endet in der Potsdamer Straße 139 – in der Begine. Dort empfängt uns Beate K. Seiferth eine der Gründerinnen des Vereins.

Begine – seit 1986 Treffpunkt und Kultur für Frauen

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten und einzigen Besuch in der Begine. Ich war Anfang 20, lief die Postdamer Straße entlang, sah die Begine und hatte Lust auf einen Milchkaffee (das war noch vor der Latte-Zeit…). Das Cafè gefiel mir und ich setzte mich an einen Tisch, von dem aus ich das noch ruhige Treiben beobachten konnte. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass auch ich beobachtet – ja sogar gemustert wurde. „Warum?“ fragte ich mich. „Habe ich einen Pickel auf der Nase?“ Das Unbehagen wuchs und ich beeilte mich, meinen Milchkaffee auszutrinken. Obwohl ich mich schnell entfernen wollte, wagte ich einen Ausflug zu den Toiletten und dort fand ich die Antwort auf meine Frage und musste über meine eigene Naivität lachen.

Die Begine ist ein Laden für Frauen – nur für Frauen und insbesondere lesbische Frauen. Wahrscheinlich haben die anderen Frauen gemerkt, dass mir die Bedeutung des Ortes nicht bewusst war oder vielleicht war es vor mehr als 20 Jahren auch nicht akzeptabel als Heterofrau in einem Lesbencafé zu sitzen.

Entsprechend zurückhaltend reagierte ich, als ich höre, dass unser letzter Stop in der Begine sein wird. Lustigerweise ist mein damaliges Unbehagen noch so präsent, dass ich tief Luft hole, bevor ich die Kultur-Kneipe (wie sie sich nennt) nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder betrete. Und dann passiert nichts. Die Gastgeber sind cool, der Ort ist noch immer schön und in der großen Gruppe falle ich eh nicht auf…

Begine - Treffpunkt für FrauenHeute erfahre ich, dass die Begine viel mehr als ein Café ist. Sie ist ein Treffpunkt für alle Frauen und betreibt seit über 25 Jahren die Förderung von Künstlerinnen, bietet die Vernetzung und den Austausch von Frauen aus unterschiedlichen Berufsfeldern, bietet Räume für Gruppen von Philosphie bis Doppelkopf, hat ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm und, und, und…

1986 wurde der Verein „Begine – Treffpunkt und Kultur für Frauen e.V.“ als Café und Kulturzentrum gegründet. Auch hier kann man sagen – der Wille zum Werk – kannte keine Grenzen. Das Haus in der Potsdamer Straße 139 wurde von Frauen erst besetzt und dann instand gesetzt. Vier Jahre lang arbeiteten die Frauen daran, den Wunsch nach einem eigenen Kunstort umzusetzen. Unter dem Motto „Gemeinsam leben und arbeiten“ brachten die Frauen den maroden Altbau in einen nutzbaren Zustand, schufen Wohnraum und boten vielen Frauenprojekten und Künstlerinnen Raum zum kreativen und politischem Handeln.

Begine - Martina GebhardtMein Unbehagen ist der Wertschätzung für die Frauen gewichen, die sich für Frauen und für die Kunst engagieren. Natürlich kann man sich darüber Gedanken machen, ob es noch zeitgemäß ist, einen Raum ausschließlich für Frauen zu bieten. Und ich bin unschlüßig, welche Position ich in einer solchen Diskussion einnehmen würde. Aber das ändert nichts daran, dass die Arbeit der Begine jede Unterstützung verdient.

Mehr Informationen zur Begine und zum laufenden Programm finden Sie auf der Webseite der Begine.

 

Weitere Führungen

Sibylle Nägele auf der InseltourSibylle Nägele und Joy Mackert veranstalten regelmäßig Führungen zu Kunst und Kultur in Schöneberg und in Tempelhof. Beide haben sich intensiv mit der Geschichte der Potdamer Straße beschäftigt und ein Buch über das Gebiet und die Persönlichkeiten, die dort lebten veröffentlicht: Die Potsdamer Straße: Geschichten, Mythen und Metamorphosen von Sibylle Nägele.

Besonders empfehlenswert sind auch die regelmäßigen Galerie- und Atelierrundgänge mit Sibylle Nägele und Joy Mackert. Einen kleinen Vorgeschmack finden Sie in dem Beitrag „Künstlerische Vielfalt in Schöneberg“.

Informationen zu aktuellen Führungen können Sie dirket bei Sibylle Nägele erfragen: s.naegele@medienautoren.de

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Starke Frauen – die Führung in Bildern

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Text & Fotos: Ellen Paschiller, lemon pix fotografie, info@lemon-pix.de