Heiraten? Warum?

Heiraten? Warum?

Kennen Sie das? Wie aus heiterem Himmel beschließen die Freunde aus Ihrem Bekanntenkreis zu heiraten. – Freunde, die doch eigentlich ganz fortschrittlich sind, nichts mit Religion am Hut haben und sich als liberal verstehen – und trotzdem wollen sie heiraten. „Heiraten? Aber warum denn?“ haben sich die Mitglieder des Theaterkollektivs Berlocken gefragt und sich ein Jahr lang mit dem Thema auseinander gesetzt.

Entstanden ist eine wunderbare Performance, die den Balanceakt zwischen Kritik an der Institution Ehe und der Sehnsucht nach ewiger Liebe eindrücklich meistert.

hochZeit Berlocken heiratenDie Heirat ist ein so fester Bestandteil unserer Gesellschaft, dass wenige nach dem Sinn der Ehe fragen. Heiraten gehört eben dazu, ist in der Gesellschaft anerkannt. Dass sich viele Paare wieder scheiden lassen, scheint nur wenige abzuschrecken. Frisch Vermählte am Standesamt Tempelhof-Schöneberg reagieren irritiert auf die Frage des Theaterkollektivs, warum sie geheiratet haben. Nur zögerlich tröpfeln Antworten: Wir wollen gemeinsam wirtschaften. Wir glauben an denselben Gott. Das war jetzt mal dran. Wir wollen Steuern sparen. Wir wollen uns treu sein. Wir sind im gleichen Fußballverein. Wir kochen gerne. Wir wollen Kinder. Wir wollen uns im Alter beistehen. – …schon auch weil wir uns lieben…

Wenn wir die Steuern mal außen vor lassen, dann fallen zwei Punkte auf. Keiner nennt Liebe an erster Stelle und eine Eheschließung ist nicht nötig, um die anderen Ziele zu erreichen.
Im Stück werden Alternativen zur Heirat skizziert. „Warum nicht ein Fest der Liebe?, Warum kein 3 Jahresvertrag, der gegebenenfalls verlängert werden kann?“ Warum nicht ehrlich sein und Trennung als Möglichkeit zulassen? „Wenn sich immer alles verändert, dann muss man auch keine Angst vor Trennung haben. „Was haben Staat und Kirche mit der Ehe zu tun?“ Ist die Verbindung zweier Menschen denn keine Privatangelegenheit? Warum sollte sich ein Paar nicht ein eigenes Zeremoniell zur Liebesbekundung und Verbundenheit ausdenken?

Und gerade als ich mir all die wunderbaren Nicht-Heiraten vorstelle, erklingt die Titelmelodie aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel und ich sehe vor meinem inneren Auge wie das Aschenbrödel und ihr Prinz über das Schneefeld reiten – endlich vereint – in ewiger Liebe – und natürlich werden sie heiraten…

heiraten - berlocken - hochzeitDas Theaterkollektiv Berlocken beschließt seine Reise nicht mit einer Antwort – heiraten ja oder nein, sondern mit einer klugen Besinnung. Wir wissen nicht, ob wir einen Partner fürs Leben finden werden oder ob das überhaupt notwendig ist oder ob Heiraten gut für eine Beziehung ist. Aber es gibt etwas auf das wir Einfluss nehmen können. Wir können uns selbst lieben und die Ewigkeit steht in diesem Fall nicht zur Debatte: „Ich will mit mir Pferde stehlen gehen. Ich will mit mir spazieren gehen… Ich liebe mich.“ Das mag egozentrisch klingen, doch wer sich selbst liebt, sich selbst respektiert, der und dem fällt es leichter ein Gegenüber zu lieben und zu respektieren ohne ständig Forderungen zu stellen.

Hochzeit Berlocken HeiratenDie Heirat und auch die Ehe ist ein veraltetes Modell. Mehr noch, es ist ein Modell, dass von Menschen geschaffen wurde. Also können Menschen es auch neu denken, anpassen an eine Zeit, in der wir uns gegenseitig Mündigkeit und Gleichberechtigung zusprechen. Weder Staat noch Kirche sollten Einfluss auf die Bindung zweier Menschen nehmen. Was wichtig ist und bleibt, ist der Schutz von Kindern. Auch hierfür können neue Modelle gefunden werden, die die Selbstbestimmtheit des Menschen nicht beeinflussen.

Jede der vier Darstellerinnen hatte einen anderen Ausgangspunkt zum Thema Heiraten.

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Für Laura Hagemann war es die Inszenierung der Heirat, die sie aufbrechen und neugestalten wollte. „Eine Hochzeit ist eine Inszenierung mit starr festgelegten Regieanweisungen. Alles ist vorgegeben.“

Für Isa Weiß kam das Thema zu einem Zeitpunkt, an dem sie sich wider ihrer ursprünglichen Einstellung zur Ehe für eine Heirat entschieden hatte. „Wenn schon heiraten, dann bewusst. – Eine Partnerschaft kann Sicherheit bieten, die größere Freiheit gibt. – Wir wollen unsere eigene Form des Ehelebens finden.“ Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema „kann ich mich in meinen Gedanken beweglicher halten.“   

Für Meriel Brütting war es der Konflikt zwischen dem Wunsch nach der ewigen Liebe und der Befürchtung, dass diese meist Traum und selten Realität ist. Und überhaupt – bedarf es der Ehe um eine große Liebe zu besiegeln? „Jeder akzeptiert die Ehe von außen, dabei kommt es doch auf die Umsetzung an. Gemeinsam wohin zu kommen, sich zu unterstützen, am anderen interessiert zu sein.“

Felicia Theus war vor allem an den rechtlichen Aspekten der Ehe interessiert. Sie ist hochschwanger und erfährt mit ihrem Partner wie schwierig es ist, sich als Paar gegen die Institution Ehe zu entscheiden. „Die meisten Leute wissen nicht, was sie unterschreiben. Die Gesetzte zu Partnerschaften sind nicht zeitgemäß.“

Der Goldene Saal im Rathaus Schöneberg, in dem auch Trauungen stattfinden, ist ein wunderbarer Ort für die Performance, die angenehmer Weise Fragen aufwirft anstatt mit Antworten zu locken.

 

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Eine Performance über Dekonstruktion und Neuentwurf einer Tradition

von und mit Meriel Brütting, Laura Hagemann, Carolin Herzberg, Felicia Theus und Isa Weiß

mehr über das Berlocken Theaterkollektiv

weitere Vorstellungen: 18. & 19.November 2016, 20:00 Uhr, Goldener Saal, Rathaus Schöneberg und im Rahmen des Frauenmärzes 2017 am 23.März 2017, 20:00 Uhr, ebenfalls im Goldenen Saal im Rathaus Schöneberg

PS: der Wikipedia-Eintrag zum Thema Ehe ist sehr aufschlussreich…

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Fotos & Text: Ellen Paschiller