Maman und Ich – Wenn’s alle glauben

Maman und Ich – Wenn’s alle glauben

Wenn’s alle glauben, warum dann nicht auch ich?

Ich bin also die Tochter meiner Mutter, nur meinem Vater gefällt das nicht. „Die Jungs und Guillaume zu Tisch,“ ruft die Mutter. – Die Jungs und Guillaume – wie wunderbar…

_mg_6017-12-xxMaman und ich – wir lieben uns wie verrückt. Ich bin ihr so ähnlich, weil ich in Wirklichkeit kein Junge bin. Doch Vater will, dass ich endlich ein Junge werde und schickt mich ins Internat – das einzige Mädchen unter 120 Jungen.

Warum ist meine Mutter nicht glücklich? Weil ich in Wahrheit doch kein Mädchen bin? Was kann ich tun?
Ich werde lerne. Ich werde werden, wenn ich nur genau beobachte, wie sie sind. Dann wird meine Mutter glücklich sein.

Meine Mutter glaubt, ich sei schwul. Aber das kann gar nicht sein. Ich bin ein Mädchen – es ist normal, dass ich einen Jungen liebe – mehr hetero geht doch gar nicht.

Meine Mutter sieht nicht die Tochter in mir?
Das würde bedeuten, dass ich gar kein Mädchen bin…

Dann werde ich ein Junge? Und dann bin ich schwul? Alle glauben, dass ich schwul bin.

Und meine Mutter?

Ich bin verliebt. In eine Frau. Jetzt muss ich meiner Familie erklären…

Wo ist der Beweis? Wir alle wissen doch, dass Du schwul bist.

Versteht Mutter denn nicht, dass ich sie immer lieben werde? Das sie keine Angst davor haben braucht, wenn ich eine andere Frau auch liebe?

Am Ende der Theaterkomödie frage ich mich, ob der Ausgang der Geschichte ein Verrat am Schwulsein ist – ein, jetzt ist er doch hetero, typisch. Im Foyer komme ich ins Gespräch mit einem schwulen Pärchen und frage sie. Ihre Antwort überrascht mich. „Nein, es ist kein Verrat. Es ist ein weiterer Schritt, der Vielseitigkeit der Menschen Rechnung zu tragen. Erst gab es nur schwul und lesbisch, dann kamen die Transen dazu… und jetzt fangen die Leute langsam an, über Bi zu sprechen. Darüber, dass es eben nicht immer eindeutig ist…“

…und einfach eben auch nicht. Guillaume glaubt zu wissen, wer er ist, wer er sein soll, wer er dann doch nicht ist oder vielleicht zur Zeit nicht. Auf der Suche nach der eigenen Identität steht die Mutter im Zentrum. Die Mutter, der er gefallen möchte, die er imitieren möchte, für die er die Besondere sein möchte. Die Mutter schließlich, der er erklären muss, dass er nun doch eine andere Frau auch liebt. Es ist dieses verschrobene Verhältnis zur Mutter, dass den Regisseur Alexander Klatt für das Originalstück aus Frankreich interessiert. Auch, das Guillaumes Umfeld ihm suggeriert, dass er schwul sei. – Ja, dass Schwul-sein, die einzig mögliche Erklärung für sein abweichendes Verhalten ist. Oder genauer, dass es möglich sein kann, dass die Menschen, die einem am nächsten stehen, nicht genauer hinschauen, gar nicht erst versuchen zu sehen, wer man ist, sondern wissen und mit diesem „Wissen“ zusätzliche Verwirrung stiften.

_mg_6014-12-xDer Schauspieler Andrè Fischer schlüpft in die Rolle Guillaume als wäre sie für ihn geschrieben. „Ich habe mit reingebracht, was ich erlebt habe, wie sehr ich mich durchkämpfen musste. Aber wir erzählen das Tragische als Komödie. Ich spiele mit Lust. Wenn Du das Leid spielst, dann erreichst Du das Publikum nicht.“

Ich erinnere mich daran, was mir ein anderer Schauspieler vor langer Zeit einmal gesagt hat:“Gute Komödie bewegt sich immer auf dem schmalen Grad zwischen Lachen und Weinen.“ Andrè Fischer schafft diese Momente.

Durch Kindheit und Jugend bis zur Begegnung mit der zweiten Frau im Leben des Guillaume Gallienne spielt Andrè Fischer auch sämliche anderen Figure des Stückes. Die wunderbar schlecht gelaunte, stets rauchende Mutter, die russische Großmutter, die Gastmutter in Spanien, den Masseur in Bayern und, und, und, und auch den Vater, dem Guillaume als Sissi verkleidet um den Hals fällt: „Oh, Papilein.“

_mg_6037-12-xGuillaume Gallienne gibt es wirklich. 2009 bringt er seine Geschichte um Identität und Mutterbild in Paris auf die Bühne und wird dafür mit dem Moliére-Theaterpreis ausgezeichnet. 2013 wird das Stück verfilmt und mit 5 Césars ausgezeichnet. Es ist die Verfilmung, die den Regisseur Alexander Katt auf das Stück aufmerksam macht und ihn dazu veranlasst, die Aufführungsrechte für die deutsche Übersetzung zu erwerben. Die Pariser Agentur SACD, die Guillaume Gallienne vertritt, unterbreitet dem kleinen Theater O-TonArt im Schöneberger Hinterhof der Kulmer Straße, ein gutes Angebot. Da die Mittel zur Annahme allerdings fehlen, startet Alexander Katt ein Crowdfunding auf startnext und reicht einen Förderungsantrag bei der Dezentralen Kulturarbeit Tempelhof-Schöneberg ein. Während das Stück im Beirat der Dezentralen Kulturarbeit auf der Warteliste landet, erreicht das Theater beim Crowdfunding etwa das doppelte des angegebenen Mindestbetrags. Ein paar Wochen später rückt das Stück dann bei der Dezentrale Kulturarbeit nach und wird gefördert. Schauspiel, Regie, Technik, Produzenten und alle Mitarbeiter des Theaters freuen sich, dass ihnen auf diese Weise ermöglicht wurde, das Stück Maman und Ich in deutscher Erstaufführung im Theater O-TonArt zu präsentieren.

André Fischer spielt Guillaume Gallienne in Maman und ICH, Regie: Alexander Katt

MAMAN und ICH – Theaterkomödie

weitere Vorstellungen:

SA   |  01.Okt 2016  | 19:30
DO   |  27.Okt 2016  | 19:30
FR   |  28.Okt 2016   | 19:30
DO  |  10.Nov 2016  | 19:30
FR  |  11.Nov 2016   | 19:30

 

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Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt
Maman und Ich | André Fischer im Theater O-TonArt

 

Theater O-TonArt
Kulmer Straße 20A, 10783 Berlin
www.o-tonart.de, 030 3744 7812

weitere Informationen auch unter Berlin Bühnen

weitere Stücke des Theater O-TonArt: Netze

 

 

Fotos & Text: Ellen Paschiller