NETZE – Stimmen flüchtender Frauen

NETZE – Stimmen flüchtender Frauen

ein Theaterstück von und mit Veronica Compagnone (Regie), Sophie Maria Ammann (Schauspiel) & Rachel Maio (Cello)

 

Ich schließe meine Augen und lausche dem tief rollenden Ton des Cellos, tragend, traurig, schön, nachdenklich, fragend,… dann eine Stimme:

03__mg_5866-12-xWir warten
Wir warten — auf
Wir warten — wenn
Wir warten — ob
Wir trinken ein Glas Wasser
— und warten.
Wir sprechen
— und warten.
Wir schweigen
— und warten.
Wir warten
und
dann warten wir…  

Das Cello setzt wieder ein, verleiht dem gehörten Nachdruck, lässt es leise ausklingen, während es von einer Frauenstimme zur nächsten trägt: Wir Frauen im Lager sind nicht sicher. Wir müssen zusammenhalten. Wenn wir nachts pinkeln müssen, dann gehen wir immer in Gruppen – fünf Frauen.

NETZE verflechtet kleine Anekdoten aus dem Alltag flüchtender Frauen mit ihren Gedanken, Ängsten und Träumen zu einem Klangteppich aus Stimmen und Tönen, der fühlbaren Einblick in das schwer Vorstellbare gewährt.

Veronica Compagnone, die Regisseurin des Stückes erzählt, dass die Flüchtlingssituation in ihrer Heimat Italien seit vielen Jahren spürbar ist: „Ich bin damit groß geworden.“
Nach ihrem Studium ist die Theaterpädagogin nach Berlin gezogen, wo sie überwiegend in verschiedenen Flüchtlingsprojekten mit Kindern arbeitet. „Ich habe mein Land verlassen, mich von meiner Familie getrennt. Etwas von mir ist noch immer in Italien und neues ist hier, das wächst.“ Die eigene Erfahrung aus Heimweh und Freude an dem Neuen vermengt sich mit den Geschichten, die die Regisseurin von den Flüchtlingskindern und geflüchteten Männern hört. „Und plötzlich wurde mir klar, dass meine kleine Geschichte, die große Geschichte trifft.“ Doch wo waren die Stimmen der geflüchteten Frauen? „Die Kommunikation mit Frauen ist schwierig.“ Sie werden abgeschirmt, sprechen meist kein Englisch und Frauen zwischen 25-35 Jahren scheint es gar nicht zu geben. Entweder die Frauen sind sehr jung oder ältere Ehefrauen. „Ich habe gefühlt, dass ich etwas machen will. Etwas was ich auch tun kann und ich habe großes Glück mit Sophie und Rachel arbeiten zu können.“

05__mg_5902-12-xEs waren schließlich die Frauen, die nicht erreichbar waren, denen Veronica Compagnone in ihrem Stück Netze eine Stimme gibt. Die Stimmen findet sie bei ihren Recherchen. Kleine Anekdoten, die mehr über die Machtlosigkeit und Verzweiflung erzählen als ganze Bücher.

Sophie Maria Ammann, die Schauspielerin im Stück erzählt:“Am Anfang habe ich mich gefragt: Wer bin ich denn, als Deutsche diese Geschichten erzählen zu dürfen und dann wurde mir klar: ich bin das Medium, dass sich hinein fühlen und das Erlebte transportieren kann, indem ich die Geschichten mit größtem Respekt behandle.“

Dokumentarisches Theater – Fetzen aus den Erlebnissen flüchtender Frauen, umgesetzt in Sprache, Tanz, Performance, Gesang und Ton – so ließe sich NETZE zusammenfassen.

16__mg_5907-12-xDie Cellistin Rachel Maio aus Australien gibt der Not der Frauen ihre ganz eigene eindringliche Klangfarbe, sowohl mit dem Cello als auch mit ihrer wunderbaren Stimme. Es ist im Gespräch mit ihr, dass ich plötzlich das Ende des Stückes verstehe. Es geht nicht nur um die Schicksale flüchtender Frauen, es geht auch um Menschen, die in Bewegung sind. Menschen, die ihre Heimat verlassen, so wie diese drei Künstlerinnen, um sich zu bewegen, um sich weiterzuentwickeln. „Überall, wo ich ankomme, begegnet mir eine Vergangenheit und eine Zukunft“ heißt es im Stück, beinahe wie eine Drohung und Verheißung in einem. Für Künstler kann Berlin eine Verheißung sein – ein Schmelztiegel. „Was suchst Du?“ „Was ich suche liegt immer vorne.“ Es ist ein Teil von dem, wer wir sind – Völker sind schon immer gewandert – Menschen haben sich schon immer bewegt. „Es muss kein die da und wir hier sein, es könnte ein uns geben.“ Dieser Aspekt ist der Versuch, das Stück vor dem Moralisieren zu schützen, der Versuch, zu verdeutlichen, dass es keine guten und bösen Reisenden gibt – es gibt einfach Menschen in Bewegung. Die Gründe dafür sind so verschieden, wie jedes Individuum.

„Alles ist sicherer als hier. Krieg, Gewalt, Hunger zu entfliehen – zu vergessen.“ Gibt es ein Recht auf Träume und Zukunft und dem Mensch-Sein? Für jeden?

NETZE
weitere Vorstellungen: 05.November 2016, Theater O-TonArt, Berlin

 

NETZE – Stimmen flüchtender Frauen – Diashow

 

01__mg_5772-12-x
02__mg_5799-12-x
03__mg_5866-12-x
04__mg_5870-12-x
05__mg_5902-12-x
06__mg_5895-12-x
07__mg_5802-12-x
08__mg_5898-12-x
09__mg_5836-12-x
10__mg_5859-12-x
11__mg_5807-12-x
12__mg_5851-12-x
13__mg_5856-12-x
14__mg_5825-12-x
15__mg_5871-12-x
16__mg_5907-12-x
17__mg_5944-12-x
18__mg_5916-12-x
19__mg_5934-12-x
20__mg_5948-12-x
21__mg_5954-12-x
22__mg_5956-12-x
23__mg_5971-12-x
24__mg_5981-12-x
25__mg_5792-12-x

 

 

Fotos & Text: Ellen Paschiller