Trümmerberg | Kilimanjaro

Trümmerberg | Kilimanjaro

Ein Projekt von Nathalie Anguezomo MBA Bikoro & Anais Héraud-Louisadat

Nein, der Kilimanjaro ist kein Trümmerberg, vielmehr war er ein Propagandasymbol der deutschen Kolonialmacht in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Über den Trümmerberg Marienhöhe in Berlin-Tempelhof dagegen, ist Gras gewachsen. Verschüttet wurden nicht nur die materiellen Trümmer eines größenwahnsinnigen Reiches, sondern auch die Geschichten vieler Akteure.

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„Darüber spricht man nicht… Das durfte niemand sehen…“, sind übliche Aussagen, die den Künstlerinnen auf ihrer Suche nach Zeitzeugnissen über die Kolonialgeschichten zwischen Afrika und Deutschland begegnen. Nathalie erzählt mir von Fotoalben, welche ihnen für ihr Projekt zur Verfügung gestellt wurden, die in Bildern von den deutschen Machthabern erzählen – ausführlich. Es werden nicht nur Alltagsszenen dokumentiert, sondern z.B. auch die Hinrichtung von Einheimischen.

In einem der zwei Ausstellungsräume im DISTRICT (Malzfabrik), steht ein Archivschrank. Die Künstlerinnen fordern die Besucher auf, die Schubladen zu öffnen, selber zu finden, einen eigenen Blick auf die Bild- und Tagebuchdokumente zu werfen. Das erste Bild, das mir aufstößt, ist ein weißer in Uniform gekleideter Mann, der eine nackte Einheimische am Arm in Richtung Kamera schiebt. Sie lacht und bedeckt ihre Scham mit einer Hand. Unweigerlich frage ich: „Was ist da passiert? Wie kam es dazu, dass Europäer sich angemaßt haben, die Welt unter sich aufzuteilen und nach ihrem Gutdünken zu unterdrücken?“

 

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In deutsche und europäischen Archiven gibt es noch viele Zeugnisse aus der Zeit der Kolonialherrschaft, die keinen Raum in der öffentlichen Wahrnehmung haben. Die Künstlerinnen Nathalie Anguezomo MBA Bikoro und Anais Héraud-Louisdat, wollen das, was sie in Archiven und durch persönliche Kontakte in Erfahrung gebracht haben, sichtbar machen – zugänglich für ein breites Publikum, mehr noch – sie wollen durch ihre Ausstellungen, Performances und Gespräche einen Beitrag für die Erinnerung leisten. „Die Erzählungen relevant machen, sie zum Leben erwecken, die Archive sichtbar machen“, sagt Anais in ihrer Einführung.

Im Gespräch mit Nathalie frage ich, inwieweit das Wissen um diese Geschichte heute weiterhelfen kann. Sie erzählt mir von ihren Aufenthalten in Frankreich, England und schließlich Deutschland. „Als Halbafrikanerin, habe ich überall und täglich mit Diskriminierung zu tun. In Berlin wurde ich angespuckt, beschimpft… Als ich mit meinem Baby unterwegs war, wurde mir nie ein Sitzplatz in der U-Bahn angeboten… In Gabun, meinem Heimatland, bin ich auf einer Demonstration gegen die herrschende Regierung, die noch immer in den kolonialen Strukturen gefangen ist, angeschossen worden… Die Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte hat mir geholfen das System zu verstehen, welches immer ein Spiel zwischen den Machthabern und Unterdrückten ist. Dieses Verständnis erleichtert mir den Umgang mit Diskriminierung und ich sehe in meiner Arbeit, dass es auch andere befreit. Es setzt Kräfte frei. Nicht nur auszuhalten, sondern aus dem Wissen Kraft zur Veränderung zu gewinnen.“

 

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Ich habe mich zu wenig mit Kolonialgeschichte beschäftigt, um den Gedankengängen der beiden Künstlerinnen vollständig folgen zu können. Ein Aspekt jedoch bleibt mir besonders im Gedächtnis. Bei allem, was Nathalie erlebt hat, weckt sie in keinem Moment den Eindruck eines Opfers oder einer Person, die eine offene Rechnung begleichen muss.   Vielmehr scheint sie getrieben von dem Anspruch Horizonte zu öffnen und dadurch ein Umdenken im Selbstverständnis der Menschen, denen sie begegnet, auszulösen. Ein Selbstverständnis, welches sich von Annahmen wie IHR und ICH lösen kann und zu einem WIR findet, selbst wenn sie überzeugt ist, dass es in der einen oder anderen Form immer Unterdrückung geben wird.

_mg_5769-12-room1Die Ausstellung Trümmerberg | Kilimanjaro ist vom 08.September bis zum 19.November 2016 im DISTRICT zu sehen. Diese Ausstellung ist Teil einer Serie von Ausstellungen, Videos und Perfomances mit Ausstellungstücken, Video-, Objekt- und Sound-Installationen. Die hier im Beitrag vorgestellten Aspekte geben nur einen kleinen Teil, der sehr viel umfangreicheren Inhalte und Geschichten wieder. Ein Besuch der Ausstellung und der anderen Aktionen ist in jedem Fall lohnenswert, ebenso wie ein Blick auf die Websites der Künstlerinnen und der Veranstalter.

Mehr Informationen
Nathalie Anguezomo MBA Bikoro – http://www.nbikoro.com/
Anais Héraud-Louisdat – http://anaisheraud.com/

ORT
DISTRICT – www.district-berlin.com
in der Malzfabrik (linke Seite, bei den Gerüsten)
Bessemerstrasse 2-14 (gleich hinter der Ausfahrt von Ikea)
12103 Berlin

 

Fotos & Text: Ellen Paschiller