Suchanzeige eines in die Jahre gekommenen Weibsbildes

Suchanzeige eines in die Jahre gekommenen Weibsbildes

Seit 10 Jahren ist die Autorengruppe „Literatur in Tempelhof“ mit ihren Texte, Geschichten und Gedichten ein fester Bestandteil des Frauenmärzes in Tempelhof-Schöneberg. Für alle, die in diesem Jahr nicht zur Lesung kommen konnten und für alle, die noch keine Vorstellung von den Arbeiten des Autorenkreises haben und für alle, die wenigstens einen der präsentierten Texte noch einmal lesen möchten, haben wir in diesem Jahr einen Beitrag für unseren Kulturblog ausgewählt: „Suchanzeige eines in die Jahre gekommenen Weibsbildes“ von Helga Gensow.

Text von Helga Gensow, Autorin des Autorenkreises „Literatur in Tempelhof“

Literatur in Tempelhof (LIT)

Suchanzeige eines in die Jahre gekommenen Weibsbildes

Meine Damen und Herren,
nehmen Sie es mir, bitte, nicht übel, wenn ich mich jetzt mit einem ganz persönlichen Problem an Sie wende. Ich benötige nämlich Ersatz für einige meiner Dinge, die der Zahn der Zeit  merklich angeknabbert hat. Zuerst wollte ich meine Suchanzeige ins Internet stellen, aber dann fiel mir ein,  dass ich heute hier so viele nette und sicher auch hilfsbereite Menschen treffen würde, dass ich mich erst einmal an Sie wende. Ich bin mir dessen  bewusst, dass Sie das Wort „Kleiderspende“ nicht mehr hören können, aber ich suche keine getragenen Kleidungsstücke. Die Suche würde zum jetzigen Zeitpunkt auch völlig erfolglos bleiben, denn von unseren alten Klamotten haben wir uns ja alle in der letzten Zeit befreien können, was uns nicht nur Platz in unseren Kleiderschränken sondern auch noch ein gutes Gewissen verschafft hat. Nein, ich suche nur neue,  unbenutzte Sachen.

Zum Beispiel brauche ich dringend:
Ein neues NERVENKOSTÜM.
Mein jetziges ist mit den zunehmenden Lebensjahren ziemlich dünn geworden, und die ersten Risse, die sich  zeigen, lassen zu Vieles eindringen, was früher abgeschirmt wurde. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel dafür. Es hat mich früher völlig kalt gelassen, wenn jemand gesagt  hat: “Na, hast Du das schon wieder vergessen?“ Heute aber fangen meine Nerven an zu flattern, wenn mich einer meiner guten Bekannten mit diesem prüfenden Blick fragt: “Naaaaa, Hast Du das schooon wieder vergessen?“. Mit stabileren Nerven könnte ich ihm eine Freude bereiten, indem ich,  seine Vermutung bestätigend, antworten würde: „Wer sind Sie denn? Kenne ich Sie überhaupt?“  
Aber dazu benötige ich, wie gesagt, ein neues, nicht flatterndes Nervenkostüm. Es wäre schön, wenn das große TASCHEN hätte. Dann könnte ich darin,  z.B. in eben geschilderter Situation, auch mal eine  geballte Faust verstecken.

Und da ich grade bei den Händen bin:
Ein Paar neue SAMTHANDSCHUHE wäre auch nicht schlecht. In meinen jungen Jahren lagen sie zuhause in  der Kommode, weil ich ihre Benutzung  für verlogene Einschleimerei hielt. Ich holte sie nur heraus, wenn es zu Oma und Opa ging, denn da brachten sie mir immer zweimal Taschengeld ein,  einmal von Oma mit den Worten:“Aber sag nichts Opa davon“ und das zweite mal vom Opa, der immer flüsterte: “Aber sag das nicht der Oma.“ Inzwischen habe ich gemerkt, dass der Einsatz von Samthandschuhen nichts mit Einschleimerei zu tun hat, er verbessert nur das zwischenmenschliche Klima. Ich habe mir zum Beispiel angewöhnt, zu einem Gast, der sich schon das fünfte Stück Kuchen einverleibt nicht zu sagen:“Immer rein in die Figur, ist sowieso nichts mehr dran zu verderben“ sondern ich sage jetzt:“ Ich packe Ihnen gern die Reste ein, wenn welche übrigbleiben sollten“. Sie werden jetzt sicherlich verstehen, dass ich Sie vorsorglich um ein neues Paar Samthandschuhe bitten muss. Die Farbe spielt keine Rolle.

Apropos Farbe: 
Ich suche auch eine neue WEISSE WESTE. Ich muss zugeben, dass meine jetzige so viele Flecken hat, dass man das ehemalige Weiß mur noch an wenigen Stellen erkennen kann. Aber wer hat schon eine weiße Weste ab zu geben? Ich will Ihnen nicht zu nahe treten mit meiner Behauptung, dass es keinem von Ihnen gelungen ist, seine  Weste bis heute in rein weißem Zustand zu erhalten. Und wenn ich es mir jetzt so richtig überlege bin ich mit meiner alten Weste eigentlich viel besser dran als mit einer neuen, rein weißen, denn auf die alte kann ich auch in Zukunft nach Herzenslust kleckern, ohne dass es auffällt. Ich ziehe darum meine Anfrage nach einer weißen Weste wieder zurück.
      
Eventuell hat jemand von Ihnen ein DICKES FELL übrig. Meins funktioniert zwar noch ganz zufriedenstellend, nur das Rückenteil ist etwas dünn geworden vom vielen… mir unangenehme Zeitgenossen darauf runter rutschen lassen. Und da ich merke, dass mit zunehmendem Alter die Anzahl derer, die mir mal den Buckel runter rutschen können, zunimmt, wäre ein neues dickes Fell ratsam.

Ich wollte Sie eigentlich noch um einen GÜRTEL bitten den man bei Bedarf enger schnallen kann, aber das wäre zu selbstsüchtig. Ich denke, im Hinblick auf die ungewisse Zukunft, der wir alle entgegen gehen, sollten Sie den lieber selbst behalten.

In  diesem Zusammenhang würde ich mich auch noch über eine ROSA-ROTE BRILLE freuen. Ich besitze zwar eine, und benutze sie auch  des Öfteren. Ich möchte nur eine zweite haben für den Fall, dass meine jetzige einen Sprung bekommt oder irgend einen anderen Schaden erleidet, denn ich möchte das Leben um mich herum nicht immerzu aber doch dann und wann  durch eine rosa-rote Brille betrachten können.

Das sind wohl alle meine Wünsche.

Nee, halt, beinahe hätte ich es vergessen:
Hat jemand vielleicht zuhause noch ein paar GEDULDSFÄDEN  rumliegen? Von meinen sind schon einige gerissen und die wenigen restlichen werden von Tag zu Tag schwächer. Es wäre doch zu schade, wenn ich die geballte Faust aus der großen Tasche des neuen Nervenkostüms herausholen und irgendwie einsetzen würde, nur, weil auch mein letzter schwacher Geduldsfaden gerissen ist. 
 
So, das waren nun aber wirklich alle meine Wünsche. Sollte jemand von Ihnen in der Lage sein, mir das eine oder andere gesuchte Teil überlassen zu können,  bitte, sprechen Sie mich  gleich hier in der Pause an. Ich sichere Ihnen für das Gespräch absolute Vertraulichkeit zu. Der Preis für die einzelnen Dinge ist Verhandlungssache.

Ich danke Ihnen schon jetzt für ihre freundlichen Angebote. 

 

Erfahren Sie mehr über die Lesung der Autorengruppe zum Frauenmärz „Autoren mit Witz und Leichtigkeit“

Erfahren Sie mehr über die Autorengruppe „Literatur in Tempelhof“ – kurz LIT

 

Text: Helga Gensow, Fotos: Ellen Paschiller