Die Abschaffung der Mutterschaft?

Die Abschaffung der Mutterschaft?

SUPRAMATER
die Übermutter, ein Archetyp der Selbstaufopferung
und der bedingungslosen Fürsorge

Übermutter – so lese ich im Programm und stelle mir vor, von Müttern zu hören, die so allgegenwärtig sind, dass sie ihren Kindern keinen Raum zum atmen lassen. Mütter, die jede Bewegung und jeden Impuls ihrer Kinder beeinflussen. Mütter, die ihre Kinder in einer lebenslange Abhängigkeit an sich binden. Oder vielleicht könnte es auch um starke, erfolgreiche Mütter gehen, die so übermächtig groß sind, dass Kinder das Gefühl haben, nie aus deren Schatten treten zu können.

Doch an diesem Abend geht es nicht, um zu große Mütter oder die Sicht und Bedürfnisse des Kindes. Vielmehr stehen die zu großen Erwartungen an und zu großen Opfer von Müttern im Mittelpunkt. Denke ich… denn am Ende werden viele Aussagen, Ideen, Wünsche und Kritikpunkte in den Raum projeziert…

Die Gameshow

Der Abend beginnt mit einer Gameshow unter dem Motto „Welche Mutti ist die beste Mutti?“.

Miri ist die wohlbeleibte Hausfrau und Mutter, die gegen Jule eine sportliche Karrierefrau und Mutter antritt. Die Gewinnerin wird zur Supramater mit goldenem Powergürtel gekürt. Es fällt auf, dass zwei Klischees gegenüber gestellt werden und es wird unangenehm, wenn die „gutmütige“ Mutti Miri wieder und wieder den Kürzeren zieht, weil sie ihre Klischees erfüllt (abhängig vom Mann, dick geblieben, aufopfernd, naiv, uneffektiv usw.). Und tatsächlich geht die Karrierefrau (schlank, abeitswütig, effektiv, unabhängig) als Gewinnerin hervor.

Supramater - Gameshow

Umso überraschender sind die Momente (auch immer wieder), in denen mit den Klischeeerwartungen gebrochen wird. „Wie hast Du Deinen Mann kennengelernt?“, fragt die häufig recht aggressive Moderatorin. Miri erzählt nach kurzem Zögern, dass sie 7 Jahre lang mit einer Frau zusammen gewesen war. Das Paar hat nach einem Samenspender gesucht – ohne Erfolg. Als klar wurde, dass diesem Wunsch zu viele Hürden entgegenstehen, hat Miri nach einem Mann zur Familiengründung gesucht – mit Erfolg. An anderer Stelle hören wir Interviewfetzen, in denen Männer wie Frauen zum Thema Elternschaft zu Wort kommen. Besonders die Stellen, an denen Männer typische Frauenaussagen zum Thema Mutterschaft wiedergeben, sind eine Erfahrung wert.

Es sind diese Brüche, die die Gameshow interessant machen und sie davor bewahren eine reine Klischeeschlacht zu werden.

Es besteht das Ideal der Selbstaufopferung und gleichzeitig werden die eigenen Mütter genau dafür bemitleidet.“

oder

Ich habe einfach mal Lust, nicht pädagogisch sinnvoll zu reagieren.

oder

Ich will mal kinderfrei haben. Nicht nur ein / zwei Stunden. Nein, ein paar Tage…

Ebenfalls angenehm ist, dass Tabus nicht ausgespart werden. Seien es gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch, sei es die Sexualität nach einer Geburt, seien es die Veränderungen am und im Körper oder die Wünsche nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

Der Afterparty-Diskurs

Irgendwie verpasse ich das Ende der Gameshow und lande im zweiten Teil der Performance. Die Mütter sind in gold gehüllt und suchen nach einer Lösung für ihr Mutterdasein, denke ich… oder ist es doch eher ein Planschen im Selbstmitleid? „Besser die Mutter stirbt, als das Kind. Das Kind ist doch der Wert.“ 

„Ich wünsche mir übernatürliche Kräfte und Sexappeal… Brüste, die ich abschrauben kann und neben dem Kind ins Bett lege…“

Supramater - Gameshow

Mit Tanzeinlage und Aufschrei findet der Abend ein überspitztes Ende in dem Vorschlag, dass die körperlose Züchtung von Menschen doch das Ideal sein müsste. Wäre die Abschaffung der Mutterschaft also die Lösung?

wilde pferde, wie sich die Macher der Show nennen, haben sich ein komplexes Thema auf die Bühne geholt. Sehenswert ist die Show Supramater allemal. Die Zuschauer haben viel gelacht und bei allen Publikumseinlagen klasse mitgemacht. Eine größere Ausgewogenheit würde den Rahmen sprengen, aber vielleicht könnte weniger Inhalt ausgewogener inszeniert werden.

Supramater ist ein laufendes Projekt, über das Sie mehr auf der Website von Supramater erfahren können. Die Künstlerinnen freuen sich auch über jede und jeden, der und die sich am Gespräch rund um die Mutterschaft beteiligen möchte.

 

Bilder der Supramater Gameshow im Rathaus Schöneberg

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SUPRA lat. ÜBER   MATER lat. MUTTER 
die Übermutter, ein Archetyp der Selbstaufopferung und der bedingungslosen Fürsorge

eine Gameshow, Performance und Forschungsreihe von und mit: Juliane Meckert, Miriam Werk, Nadja Hoppe und Stephanie Krah –  die sich in der Gruppe „wilde pferde“ zusammengeschlossen haben. Für diese Performance holen sie sich zudem Feray Halil mit auf die Bühne. Die Aufführung im Rathaus Schöneberg ist ein Ergebnis des Performance Projekts SUPRAMATER zum Thema Mutterschaft.

 

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Text & Fotos: Ellen Paschiller, lemon pix fotografie, info@lemon-pix.de