Torten, Jodler und blinkende Schuhe – der 31.Frauenmärz ist eröffnet

Torten, Jodler und blinkende Schuhe – der 31.Frauenmärz ist eröffnet

Ich bin nicht sicher, ob ich mich zu jung, zu alt oder gerade richtig für den Frauenmärz fühlen soll. Das Programm der Eröffnungsfeier gibt mir bei dieser Frage jedenfalls keine Antwort. Vielseitig nennen es die einen, bunt die nächsten und mancher wagt zu sagen – widersprüchlich – oder auch: eine gelungene Herausforderung. In meiner Sitzreihe flüstert eine Frau ihrer Freundin zu: „Die Reden müssen halt sein, danach wird es richtig gut.“

Die Reden

Petra Madyda - Frauenmärz 2016Jutta Kaddatz - Frauenmärz 2016Petra Schwarz - Frauenmärz 2016

Durch das Programm leitet die freie Journalistin Petra Schwarz – souverän und mit der Power des in diesem Jahr heraufbeschworenem Weibsbildes. Die Begrüßungsrede übernimmt Jutta Kaddatz, stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport, deren Titellänge furchteinflössender ist als ihr ruhiges, klares, offenes Auftreten bei der Eröffnung der 31.Frauenspiele – nein, natürlich des 31.Frauenmärzes. Die Festrede hält Petra Madyda, Direktorin der Stiftung Lette-Verein Berlin. Sie nimmt das Publikum auf eine kurze Reise in die Geschichte des Lette-Vereins mit, der seinerzeit gegründet wurde, um Frauen die Möglichkeit zu geben, einen Beruf zu erlernen.

Ingrid Hammer & Veronika Otto

Jodeln hautnah

Der Frauenmärz war schon immer auch politisch, doch als der erste Akt des Abends die Bühne betritt, ist das erst einmal vergessen. Es ist der Einstieg den Veronika Otto auf ihrem Cello wählt, der es schafft, das Publikum zu gewinnen. Die leicht klirrenden Töne, der sanft spürbare Schall, die Tonfolge, die von einer Glasorgel stammen könnte, die tragende Schwere, die an gewaltige Berge erinnert – all das legt die perfekte Grundlade für das, was das Duo Ingrid Hammer & Veronika Otto nun im Lichtenrader Gemeinschaftshaus aus der Tiefe ihrer Körper an die Oberflächen dringen lassen: Töne, die sich zu einem wahren Jodelerlebnis vereinen. Es verwundert nicht, dass sich am Ende das Publikum zum mitjodeln überreden lässt.

Idil Baydar

Deutschland, wir müssen reden

Idil Baydar mit ihren blinkenden Schuhen ist weniger politisch korrekt, hat mit Bergen nix am Hut und muss mit Deutschland reden. Die Berlinerin ist ein Energiebündel und provoziert mit ihren Aufklärungsversuchen. Die Deutschen nämlich, die haben von so vielen Sachen keine Ahnung, dass sie dringend mal zuhören müssen, etwa darüber wie frau sich gegen Anmache wehrt, wie Vermehrung geht und warum Emanzipation voll der Betrug ist. Der Saal biegt sich vor Lachen, auch wenn wahrscheinlich mancher zweifelt, ob lachen gerade wirklich korrekt ist.

Les Reines Prochaines – Fremde Torten im falschen Paradies

Als die Torten die Bühne betreten, bin ich mit meiner Altersfrage völlig durcheinander. In der Pause hatte ich mir das Publikum genauer angeschaut. Eigentlich war es recht gemischt und doch muss man ehrlicher Weise sagen, der Kern der Besucher ist mit dem Frauenmärz gewachsen.

Die Torten nun und das meine ich 1.ganz liebevoll und 2.vertusche ich damit meinen fehlenden Zugang zur französischen Sprachen – denn die Torten heißen Les Reines Prochaines. Die Torten also sind Frauen, die jung alt sind – nicht jung geblieben – nicht alt geworden – sie sind einfach und das in jeder Hinsicht. Ich höre und sehe Ihnen zu und fühle mich gleichzeitig zu jung und zu alt – das ist einmalig klasse.

Ich erfahre später, dass jede von ihnen ihre eigenen Texte schreibt und performt und das sie schon seit fast 30 Jahren gemeinsam Musik machen. „In den 80ern hat man noch häufig den Bandnamen gewechselt und auch immer wieder mal neue Bands gegründet. Aber irgendwann musst Du einfach mal bei einem Namen bleiben,“ erzählt mir eine der Musikerinnen später. Ich frage nach der politischen Motivation und sie sagt mir: „Das kommt auf die Zeit an. Es gibt immer Zeiten in denen bist Du politischer als in anderen. Wir sind in erster Linie Musikerinnen und meistens auch ziemlich pragmatisch.“

Und Musikerinnen sind sie, ebenso wie Spielerinnen und Königinnen. Die Ausschnitte aus ihrem aktuellen Programm, die wir an diesem Abend sehen und hören können, sind ein wahrer Genuss:

„Fremde Torten im falschen Paradies
Les Reines Prochaines als starke Säulen der Gesellschaft suchen und nutzen Handlungsspielräume in ihrer Umgebung um einen Weg in eine zukunftsfähige Moderne zu finden. Mit kreativer Unklarheit suchen sie Wege wie sie sich vom Überfluss befreien können. Mit Mut, Aberwitz und Poesie experimentieren sie mit Tieren, mit der Liebe und Utopien. Les Reines Prochaines spielen brandneue Lieder, Chansons und rücken längst vergessene Begriffe in helles Licht. Sie erfinden neue Muster im alten Paradies. Im Eldorado verschieben sie die Möbel und zwirnen Ideologien wie Anarchismus, Soziokratie, den Blues und die Zoologie zu neuen Blüten.“

www.reinesprochaines.ch

HIGHLIGHTS in BILDERN

 

Und noch einmal am Rande, weil man es einfach nicht oft genug sagen kann: Der Frauenmärz wird von der Dezentralen Kulturarbeit unter der wunderbaren Leitung von Ute Knarr-Herriger organisiert, die zudem auch stets für den perfekten Ton an ihrem Mischpult sorgt.

NACHSCHLAG in BILDERN

 

Fotos & Text: Ellen Paschiller